Biographische Notizen von Joachim Freudenberger,
Sohn von Dr. Rudolf Freudenberger, aus dem Jahr 1997

Joachim Freudenberger wurde am 10. November 1924 in Bergen als erstes von drei Kindern des Ehepaars Rudolf und Amalie Freudenberger geboren.

bergen
newyork

Er wanderte im September 1938 mit seinen Eltern und Geschwistern in die USA aus und schrieb im Alter von 73 Jahren diese Erinnerungen an seine Kindheit in Bergen und die Anfangsjahre der Familie in New York.

Kindheit in Bergen bis 1934

Der Welt, in die ich hineingeboren wurde, war es bestimmt, vom größten Schrecken der Jüdischen Geschichte zerstört zu werden. Meine Familie gehörte der gebildeten gutbürgerlichen Mittelschicht an, wie es die vorangegangenen 600 Jahre auch für deren Vorfahren üblich war. Als Ergebnis der außergewöhnlichen Feindseligkeiten der Nazis wurde viel davon zerstört.

Mein Vater war Arzt, der Sohn eines Lehrers. Es war in seiner Familie üblich, dass jüdische Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Meine Mutter, eine Frau von seltenen Qualitäten, war die fähigste Unterstützerin des Ernährers der Familie und versuchte, uns Kinder vor den Schrecken der traumatisierenden Zeit zu beschützen. Die glücklichste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich in meinem Elternhaus.

Wie viele Klein- oder Mittelstädte hatte die Jüdische Gemeinde von Bergen-Fechenheim eine Synagoge. Die befand sich in der Erbsengasse. Der Gemeinde stand ein Kantor und Lehrer (Ludwig Frank) vor.

Dr. Freudenberger war von 1935 bis 1938 der Gemeindevorsteher. Seine Wahl musste vom "Landrat des Landkreises Hanau" bestätigt werden. Dr. Freudenberger war in seinem Amt als Gemeindevorstand auf die Verfassung des Freistaates Preußen vereidigt worden. Am 9. November 1928 bekam unsere Familie zwei neue Mitglieder: Marion und Joseph Freudenberger, geboren in Frankfurt. Zwillinge hatte es in meiner mütterlichen Familie schon öfter gegeben.

Im April 1931 wurde ich in die Volksschule von Bergen eingeschult. Wir waren 50 Schüler in meiner Klasse, und ich war der einzige Jude. Unser Lehrer war sehr streng. Ich erinnere mich daran, dass ich zu Beginn meiner Schulzeit Linkshänder war und es im deutschen Schulsystem nicht üblich war, mit der linken Hand zu schreiben, so schreibe ich heute mit meiner rechten Hand. In der Schule wurde strengstens Wert auf die drei "R" gelegt. Ein Wortspiel aus dem Englischen: reading, writing, (a)rithmetic. Die Schüler hatten verpflichtenden Religionsunterricht. Während die meisten Schüler evangelisch waren, musste ich mit jüdischen Schülern aus anderen Klassen außerhalb der Volksschule am jüdischen Religionsunterricht teilnehmen.

Schulzeit in Würzburg von 1935 bis 1938

Die Nazieinflüsse auf die Schüler machten mich lange vor 1933 zu einem zurückhaltenden Schüler. 1934 beschlossen wir wegen der immer stärker werdenden Repressalien der Nazis, dass ich in Würzburg zur Schule gehen sollte. So zog ich ein Jahr, bevor 1935 die Nürnberger Gesetze in Kraft traten, von Bergen nach Würzburg, um dort die Jüdische Schule zu besuchen. Dies geschah, damit ich den Schikanen der Nazis weniger ausgesetzt werde. Ich zog zu meinem Großvater, Sandel/Sigfried Freudenberger, einem pensionierten Lehrer, und dessen Frau Rieka, geborene Hecht.

Sie wohnten in einer Wohnung in der Bismarckstraße 1 in Würzburg. Würzburg hatte zu dieser Zeit ca. 1.000 jüdische Bewohner. Ich war nun 136 km von meinen Eltern und Geschwistern in Bergen entfernt und fuhr so oft, wie irgend möglich in den Ferien oder an Feiertagen, nach Hause. Es war mein Glück, dass Bayern katholisch war. Ich hatte sogar am 1. November, meinem Geburtstag, einem staatlichen Feiertag in Bayern, frei. Als Transportmittel benutzte ich mit einer Schülerkarte die Deutsche Reichsbahn.

Nun war ich in einer Klasse, in der nur jüdische Schüler waren, die von einem jüdischen Lehrer unterrichtet wurden. In Bergen war ich in meiner Klasse der einzige Jude. Die Jüdische Schule brachte uns mehr von den drei Kernfächern: Rechnen, Schreiben und Lesen sowie Europäische Geschichte und eine Fremdsprache bei – die meisten Schüler lernten Englisch und als zweite Fremdsprache Französisch, weil im Dritten Reich Fächer, die mit Hebräisch zu tun hatten, nur eine Stunde pro Tag unterrichtet werden durften.

Meine neuen Klassenkameraden hatten unterschiedliche familiäre Hintergründe, einige waren aus Würzburg und gingen von der 1. Klasse an auf die Jüdische Schule, einige kamen auch später, die meisten von ihnen aus kleineren Gemeinden der Würzburger Umgebung. Ihre Väter wären Handwerker wie Schneider, Bäcker, Metzger usw., andere hatten kleinere eigene Bauernhöfe oder waren Inhaber von kleinen Geschäften. Den Hauptanteil der jüdischen Bevölkerung dieser Kleinstädte stellten "Händler" dar, also Juden, die keine Geschäftsräume hatten. Ein weiterer Teil der Schüler kam aus Familien, die keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten. Ab 1936 mussten alle Schüler jüdischer Herkunft in die Jüdischen Schulen gehen, denn die Nazis verweigerten ihnen, nichtjüdische Schulen zu besuchen.

Während meiner Zeit in Würzburg wurden ich und meine Klassenkameraden regelmäßig verprügelt. Ich wurde gejagt und oft vom Fahrrad gestoßen. Ich fuhr zu dieser Zeit mit dem Rad zur Schule. Auch später, als wir in Washington Heights wohnten, hielt ich mich von Gruppen von Jugendlichen fern, die ich nicht kannte. Mein Großvater unterstützte mich beim Lernen. Leider starb er 1936. Ich blieb bei meiner Großmutter bis 1938, dem Jahr unserer Auswanderung in die USA. Ich erinnere mich an einen Ausflug zum Niederwald-Denkmal mit meinen Eltern. Das Monument erinnert an den Deutschen Sieg über die Franzosen im Krieg von 1870–71. Wir fuhren mit einem Ausflugsdampfer von Frankfurt entlang des Mains nach Bingen am Rhein. Zu dieser Zeit hatte die Französische Armee noch das Rheinland besetzt, und so fühlten wir uns als Bürger zweiter Klasse, nämlich Nicht-Franzosen und Juden, und sprachen nur im Flüsterton miteinander. Eine andere Erinnerung, die mir in den Sinn kommt, war die Zeit, als er – sein Vater – sich einer zionistischen Organisation anschloss, um nach Palästina auswandern zu können. Das war im Jahr 1935. Die Briten gaben jedoch seinem Antrag nicht statt – Chamberlain betrog die Juden um ihre "nationale Heimstatt".

Auswanderung der Familie Freudenberger
in die Vereinigten Staaten im September 1938

Danach entschloss sich mein Vater, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Haben diese und andere Erinnerungen seelische Narben hinterlassen? Heute, im Jahr 1997, kann ich mich an kein interessantes oder lustiges Erlebnis erinnern, das sich während meiner Schulzeit in Deutschland zugetragen hat.

Am 30. August 1938, weniger als drei Monate vor der "Kristallnacht" vom 9. November 1938, als der Mob jüdisches Eigentum zerstörte und schändete, verließen die Freudenbergers Deutschland, um in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Unsere Route führte uns zunächst nach Zürich in der Schweiz, wo wir Tante Bella und Onkel Pinkas Blumenberg besuchten, Onkel Pinkas war seit vielen Jahren Religionslehrer in der orthodoxen "Israelitischen Religionsgemeinschaft" in Zürich. Von dort reisten wir zum Sightseeing nach Paris. Am 7. September 1938 nahmen wir den Zubringerzug zum Schiff von Paris nach Cherbourg in Nordfrankreich. Der Zug hielt direkt am Pier, an dem wir an Bord der "Aquitania", eines Schiffes der Reederei Cunard White Star, gingen. Wir reisten in der Touristenklasse.

Am 13. September 1938 fuhren wir vorbei am Feuerschiff Ambrose, einem Wahrzeichen vor der Hafeneinfahrt von New York, und der Freiheitsstatue sowie dem Empire State Building und gingen an dem an der 50. Straße gelegenen Pier in New York, USA, an Land.

Aquitania

Aquitania

Das war der Beginn eines neuen Lebens in einem freien Land. Für die Freudenbergers war es das Ende einer Epoche, die zurückgeht bis auf das Mittelalter und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Die Anfangsjahre in Manhattan

Für die "Greenhorns", die Freudenbergers, war ihr erstes Zuhause ein Wohnhaus in der Fort Washington Avenue 255, Wohnung Nr. 36, im Bezirk Washington Heights am nördlichen Ende von Manhattan. In jenen Jahren war das eine solide Wohngegend von Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer und Religionen, was eingebürgerte jüdische Einwanderer einschloss, die vor einer bis zwei Generationen aus dem zaristischen Russland vor den Pogromen geflohen und nun Eltern von Kindern waren, die in den USA geboren worden waren. Jedoch selbst unter den Menschen so unterschiedlicher Herkunft konnten die neu angekommenen Flüchtlinge leicht ausgemacht werden. Die Männer trugen dunkle Kleidung und die Frauen männlich wirkende Kostüme, wie es in den 30er Jahren in Deutschland Mode war. Die jüdischen Einwanderer in der ersten Generation wurden als Fremde wahrgenommen, selbst wenn ihre Religion die gleiche war, denn ihre Kultur war eine andere. Die Juden, die aus den Gettos des vorrevolutionären Russland geflohen waren, gehörten zumeist der Arbeiterschicht an, deren Sprache Jiddisch war, während die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland sich rühmen konnten, zu den bedeutendsten Intellektuellen des Reiches zu gehören, vom dem sie gedacht hatten, dass es sie akzeptiert hatte. Ihre Muttersprache war Deutsch. Obgleich sie ein tiefes Mitgefühl mit der Zwangslage der vor Hitler Geflohenen hatten, konnten die frühen Flüchtlinge nicht die Herablassung vergessen, mit der die deutschen Juden, die schon in Amerika etabliert waren, die Einwanderer der Jahrhundertwende empfangen hatten.

Nun, gegen Ende der wirtschaftlichen Depression, waren die deutsch-jüdischen Einwanderer vergleichsweise besser situiert als die Juden osteuropäischer Herkunft. Viele der Einwanderer aus Deutschland hatten eine höhere Bildung und Zugang zu den Aufstiegsmöglichkeiten der New Yorker Gesellschaft. Dennoch musste die Familie wegen wirtschaftlicher Armut und einer unsicheren Zukunft zusammenhalten.

Zudem brachte die gesellschaftliche Struktur der neuen Einwanderer eine geringere Religiosität mit sich. Das wichtigste war das Anrecht auf ein Grab auf dem Friedhof und das konnten sie von der Kultusgemeinde gewährt bekommen.

Dr. Freudenberger wurde Mitglied der "Beth Hamedrash Hagodol", der Großen Synagogengemeinde, in der 175. Straße und zudem der Gemeinde Beth Yaakov, 179. Straße, Ecke Audobon Ave., die von dem aus Fürth stammenden Rabbiner Dr. Breslauer geleitet wurde. Er war der Rabbiner, der uns im Jahr 1957 traute und der Mohel Beschneider von Ronalds Brith Milah Beschneidung war.

Beth Hamedrash Hagadol

Synagoge Beth Hamedrash Hagodol in Manhattan



Die meisten Jungen und Mädchen, die in meinem Alter oder auch ein bisschen älter waren, fühlten sich in der deutsch-jüdischen Gesellschaft von Washington Heights wohl und heirateten deutsch-jüdische Partner.

Das Highlight war für die deutsch-jüdischen Jungen der "Prospect Club", der gegründet worden war, um ein amerikanischer Fußballclub zu werden, aber auch andere Sportarten vertrat, wie zum Beispiel Tischtennis – mit eigens organisierten Turnieren – und anderen sozialen Sportarten wie zum Beispiel dem Tanz. Um mehr oder weniger gute Tänzer zu werden, besuchten viele Jugendliche aus Washington Heights Mrs. Edith Perity's Tanzkurse – an Sonntagvormittagen im Kellergeschoss eines Wohnhauses in der Dyckman Street. Obwohl ich ein miserabler Tänzer war, hatte ich genug Mut, Mädchen zum Tanzen aufzufordern. Im weiteren Verlauf der Tanzkurse organisierte Mrs. Perity einen halbjährlich stattfindenden Abschlussball im Audobon Festsaal in der 165. Straße, Ecke Broadway, genau an dem Ort, an dem Malcolm X am 21. Februar 1965 erschossen wurde. Alle Tänzer, die einen Tanzkurs absolviert hatten, und ehemalige Tänzer der Tanzschule wurden dazu eingeladen und die besten erhielten Preise. Es tut mir sehr leid, sagen zu müssen, dass ich nicht unter ihnen war.

Die Einbürgerung der Freudenbergers war keineswegs einfach. Alles war neu und stellte eine Herausforderung dar: Sprache, Arbeit, Schule. Die Armut der Familie war sehr drückend. Der Ernährer der Familie dachte, dass seine in Deutschland erworbenen akademischen Titel ihn auch in Amerika zur Ausübung seines Berufes als Arzt berechtigten. Um jedoch die sogenannte NY State Medical Licence, die Genehmigung als Arzt im Staate New York zu praktizieren, zu bekommen, musste er zahlreiche Tests bestehen, die aus einem schriftlichen Examen in englischer Sprache, einer mündlichen Prüfung und einer Prüfung vor der Medizinischen Fakultät des Staates New York bestanden. Das Geld war knapp wegen der finanziellen Hürden, die die Nazis für die Auswanderung aufgebaut hatten. Einschließlich der Schiffspassage hatten Ausgaben für die sogenannte. Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe und Gebühren für die Ausfuhrerlaubnis ca. 25.000 Reichsmark betragen. Zudem war ohnehin nur die Mitnahme von 10 Reichsmark an Bargeld gestattet.

Um Geld zu verdienen, nahm mein Vater Gelegenheitsjobs wie z. B. den eines Friedhofswärters oder eines Pflegers in der Klinik an, während er tagsüber studierte, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Seine Frau vermietete Räume, die wir nicht benötigten, an Untermieter, was im Monat zusätzlich 10 $ einbrachte, für jene Zeit eine Menge Geld. Meistens hatten wir fünf Untermieter. Die Wohnung war keineswegs eine Umgebung, die viel Privatsphäre zuließ, aber die große Verehrung, die wir für unsere Eltern empfanden, und deren Gegenliebe verhalfen uns, diese schweren Zeiten zu überstehen. Diese enge Beziehung bestand auch zu unserer erweiterten Familie, unseren Onkeln, Tanten und unserer Großmutter.

Schulerlebnisse in Manhattan

Die Kinder der Familie Freudenberger wurden sofort eingeschult:
Joachim (Joe) ging auf die Junior High School in der 177. Straße, Ecke St. Nicholas Joseph, Gerd ("Little" Joe") kam auf die Primary School, 173 Manhattan, in der 173. Straße, Ecke Fort Washington und Bertel Marion wurde auch in der Primary School, 173 Manhattan, eingeschult.

JHS (Junior High School) 115, Manhattan, an der Ecke der 177. Straße, St. Nicholas Ave., war die erste Schule, die ich in Amerika besuchte. Ich, wie auch andere kürzlich aus Nazi-Deutschland und Österreich angekommene Schüler, wurden in einer sog. "Anpassungsklasse" betreut. Diese Klasse war für Schüler, die Englisch nicht als Muttersprache beherrschten, eingerichtet worden. Vielleicht würde sie heute "Klasse für Schüler mit Englisch als zweiter Fremdsprache" bezeichnet. Trotz der Tatsache, dass wir so bald wie möglich die "Anpassungsklasse" verließen, um mit den "amerikanischen" Schülern zusammen zu sein, behielten wir eine gewisse Schüchternheit bei, die sich mitunter in einem Mangel an Konzentration niederschlug. Wir sprachen selten über unsere Kindheit in "Nazideutschland". Aber wir alle, meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester, versuchten Englisch zu sprechen und richtige "Amerikaner" zu werden. Mein Lieblingsfach war "Civics", das heutzutage "Government Works" heißt gemeint ist wohl das Fach Politik.

Die Jahre der wirtschaftlichen Depression waren noch in vollem Gange und ich hatte viele Teilzeitbeschäftigungen. Es war nicht leicht, diese Jobs zu bekommen, aber wir bekamen sie über "Verbindungen". 50 % meines Verdienstes gab ich der Familie ab, die anderen 50 % wurden auf ein Sparkonto der "Harlem Savings Bank", 180. Straße, Ecke Broadway, eingezahlt. Mein erster Teilzeitjob war der eines Boten für die Firma "Brite-Glo Soap Company". Ich arbeitete dort nachmittags nach der Schule und belieferte in der East Bronx und der Upper East Side die Kundschaft mit Seifen. Die Auslieferung erfolgte mit einem Handwagen. Im Sommer 1939 gingen meine Geschwister und ich zu einer Ferienfreizeit, dem "Camp Taanug", das von einem jüdischen Wohlfahrtsverein unterhalten wurde. Es lag an der Ecke 116. Straße, Lenox Ave. in Harlem. Die meisten Kinder lebten in East Harlem und waren "amerikanische" Juden. Das Ferienlager wurde von Rabbi Philip Goodman geleitet. Wir hatten dort sehr viel Spaß und der Höhepunkt war für uns, in einem Hallenbad zu schwimmen. Die älteste Gruppe ging dann noch auf eine dreitägige Tour nach New Jersey. Nachdem ich zu den sog. "schnellen" Klassen der Junior High School aufgestiegen war – ein Jahr in einem Semester – und die höhere Schule sehr erfolgreich abgeschlossen hatte, bestand ich die Eingangsprüfung der Brooklyn Technical High School, Green Place, Brooklyn, NY. Das war sehr weit entfernt von meinem Zuhause in Washington Heights.

Brooklyn Technical High School

Brooklyn Technical High School


Als ich auf die Brooklyn Technical High School kam, war Franklin D. Roosevelt Präsident der vereinigten Staaten und sein "New Deal" belebte die wirtschaftlichen Bedingungen und das Existenzminimum stieg wieder an. Die WPA die "World Projects Administration", eine Bundesbehörde, gegründet zur Zeit der Großen Depression zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und ein neues Sozialversicherungssystem trugen das Ihrige zu dem wirtschaftlichen Aufschwung bei.

Der Ernährer der Familie Freudenberger war noch mit seinem Medizinstudium beschäftigt, die Kinder gingen noch zur Schule und die Mutter hatte noch immer Untermieter. Brooklyn Technical High School hatte ca. 3.000 Studenten. Da diese Hochschule für die ganze Stadt zuständig war und es Aufnahmeprüfungen gab, waren die dort Studierenden sehr intelligent und die Konkurrenz war hoch. Ich gehörte zu den wenigen jüdischen Einwanderern aus Deutschland, die dort aufgenommen wurden. Morgens vor der High School arbeitete ich in einem Süßwarenladen in der 91. Straße, Ecke Broadway in Manhattan. Ich lieferte Zeitungen aus, meine Tour lag nördlich der 91. Straße und verlief entlang des River Drive, der West End Ave., des Broadway und der Columbus Ave., zu jener Zeit einer vornehmen Gegend. Meine Arbeitszeit dauerte von 6 bis 8 Uhr morgens an sieben Tagen in der Woche. Ich verdiente 6 $ pro Woche, wovon ich 3 an die Familie abgab. Oh ja, von einigen Kunden bekam ich ein Trinkgeld.

Am 7. Dezember 1941 – dem Tag des Angriffs auf Pearl Harbor – machte ich Hausaufgaben. Es war Sonntagnachmittag und ich hörte wie üblich Radio, als die Nachricht kam, dass Pearl Harbor bombardiert worden war.

Das Ende einer Epoche und der Beginn einer Neuen

Die Freudenbergers waren noch in der Schule und im Frühling 1942 bekam der Ernährer der Familie die Genehmigung als Arzt in NY State zu praktizieren.

Im Sommer 1942 wurde er zum Kassenarzt des "Workmen's Benefit Fund" einer frühen Form der Health Maintenance Organization, einer Krankenkasse für Arbeiter. Das entspannte langsam die finanziell entbehrungsreiche Zeit, wir zogen um in die 187. Straße, Vater eröffnete eine Praxis. Die Praxis diente gleichzeitig als Wohnung. Ich war weiterhin als Zeitungsjunge tätig und besuchte zugleich die Brooklyn Technical High School. Nun, im Jahre 1942, wurden die Schulstunden von acht auf zehn Stunden pro Tag ausgeweitet, weil ich zusätzlich das Fach Mechanik belegte.

Die Schule ging von 8.30 morgens bis 16.30 am Nachmittag.
Während des Sommers 1942 arbeitete ich in einer Handschuhfabrik und dehnte Felle. Mein Verdienst betrug nun 16 $ in der Woche, aber am Zahltag am Ende der Woche sagten sie mir, dass nach drei Monaten mein Verdienst auf 14 $ in der Woche reduziert würde. Ich blieb, denn das war besser als gar nichts.

Am 1. November 1942, meinem 18. Geburtstag, wurde ich in die US Armee eingezogen. Ich erhielt einen Fragebogen und musste mich einer gesundheitlichen Untersuchung unterziehen. Man sagte mir, dass ich nach dem laufenden Semester an der Brooklyn Technical High School im Juni 1943 meinen Militärdienst antreten müsse. Ich erhielt rechtzeitig einen Brief,
unterzeichnet vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das war die verharmlosende Art der US-Regierung, mir mitzuteilen, dass ich, Joachim Freudenberger, in die US-Armee eingezogen wurde und – wie Millionen anderer Männer – die Schuluniform gegen die der Armee tauschte und US Soldat wurde. Ich, der Flüchtling aus Nazi-Deutschland, war im Dezember 1943 vom Neuankömmling zum Bürger der Vereinigten Staaten geworden.
PS: Im Sommer 1943 bat mich ein Freund meines Vaters (ein Mr. Heinemann?), bei ihm für ein paar Wochen in einer Autolackiererei zu arbeiten, bevor ich den aktiven Dienst antrat. Er brauchte wegen des Krieges dringend Aushilfsarbeiter. Dieser Freund diente später als Major in der US Armee und war einer der Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, bei denen die Hauptschuldigen der Nazi-Diktatur angeklagt wurden.

Joachim Freudenberger

Joachim Freudenberger 1997 im Alter von 73 Jahren

 

Joachim Freudenberger heirate eine Auschwitzüberlebende und hatte zwei Kinder. Er arbeitete als Ingenieur und besaß später einen kleinen Betrieb. Er widmete sich bis ins hohe Alter mit großer Hingabe seiner Familie und arbeitete leidenschaftlich an seiner ständigen Weiterbildung. Joachim Freudenberger starb 2012 im Alter von 88 Jahren.

Diese biographischen Notizen seines Vaters Joachim hat mir Prof. Ronald Freudenberger im Juni 2014 anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für seinen Großvater, Dr. Rudolf Freudenberger, übergeben. Ich habe den in englischer Sprache verfassten Text ins Deutsche übersetzt, an einigen Stellen überarbeitet bzw. annotiert und illustriert.

Für die historische Beratung sei an dieser Stelle Monica Kingreen vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums gedankt. Ihrem im CoCon-Verlag Hanau 1994 erschienen Werk "Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim und
Heldenbergen" ist die Recherche über die Rolle der Vorstände in den Jüdischen Gemeinden entnommen (vgl. ebd., S. 88f)
.

Edith Haase, c/o Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim im Oktober 2014

 
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