Gedenktafel für Dr. Rudolf Freudenberger am Haus in der Röhrborngasse 30, in dem er vor seiner Auswanderung in die USA 1938 mit seiner Familie gelebt und praktiziert hat

Angeregt und beauftragt durch die Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim.
Dr. Freudenberger und seine Familie wurden nicht deportiert und nicht ermordet. Der Hausarzt ist jedoch gezwungen worden, seinen Beruf aufzugeben, weil er Jude war. Der Unterschied zu den deportierten und ermordeten Menschen, an die Stolpersteine erinnern, wurde in der Gestaltung berücksichtigt.



//// EXKURS: Biographische Notizen von Joachim Freudenberger,
Sohn von Dr. Rudolf Freudenberger, aus dem Jahr 1997
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Dr. med. Rudolf Freudenberger wurde am 23. März 1893 als Sohn des jüdischen Lehrerehepaars Sandel und Rieke Freudenberger in Memmelsdorf in Unterfranken geboren. Er besuchte die Volksschule in Rettendorf, machte sein Abitur 1912 im Humanistischen Gymnasium in Bamberg und begann im gleichen Jahr an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sein Medizinstudium. Von 1914 bis 1919 war er Teilnehmer am 1. Weltkrieg. 1919 nahm er sein Studium wieder auf und schloss es 1920 mit der Promotion zum Dr. med. ab.

Er war dort zunächst als Assistenzarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik und anschließend im Städtischen Wöchnerinnenheim in Nürnberg tätig.

Er heiratete Amalie Adler, die am 28.5.1895 in Heubach geboren wurde, und zog 1921 von Nürnberg nach Bergen, wo er als Praktischer Arzt zunächst in der Marktstraße 68 und ab 1932 in der Steingasse 30, heute Röhrborngasse, mit Privat- und Kassenpraxis arbeitete. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Joachim und das Zwillingspaar Josef und Bertel-Maria, die 1924 und 1928 geboren wurden.

Dr. Freudenberger wurde 1924 Kolonnenarzt der Freiwilligen Sanitätskolonne  des Roten Kreuzes Bergen-Enkheim und war zudem aktives Mitglied zahlreicher anderer Organisationen, so u.a. Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde von Bergen-Fechenheim, des Jüdischen Männervereins, Vorsteher des Jüdischen Wohlfahrtsamtes und Mitglied des Offizialausschusses der Jüdischen Wohlfahrtspflege für Hessen-Nassau.

In der heutigen Röhrborngasse 30 lebte und praktizierte  Dr. Freudenberger von 1932 bis zu seiner Auswanderung im August 1938. Er erfreute sich sehr großer Beliebtheit und war wegen seines besonderen Engagements für seine Patienten allenthalben geschätzt. Noch heute erinnern sich Bewohner des Stadtteils an sein Wirken und gedenken seiner mit großer Anerkennung. Es ist bekannt, dass er seine Hilfsbereitschaft ohne Ansehen der Person auch armen Patienten ohne Bezahlung angedeihen ließ.

Mit der NS-Zeit änderten sich seine Lebens- und Arbeitsbedingungen erheblich.

Seit dem Boykott des 1. April 1933 gaben die Nationalsozialisten die Anweisung, jüdische Ärzte nicht mehr zu konsultieren. Doch aufgrund seiner Beliebtheit und des Vertrauens, das er in Bergen und Umgebung erworben hatte, hatte Dr. Freudenberger weiterhin zahlreiche Patienten und konnte – wenn auch mit deutlich eingeschränkten Entwickungsmöglichkeiten  - sich und seiner Familie noch immer ein ansehnliches Einkommen sichern. Er musste 1933 seine Funktion als offizieller Kolonnenführer des Roten Kreuzes aufgeben, wurde aber gleichzeitig zum ehrenamtlichen Ersten Kolonnenführer auf Lebenszeit ernannt.

Nach 1933 wurde seine Praxis von Nachbarn beobachtet und Patienten wurden notiert und der NSDAP gemeldet. Zu seinen Patienten zählten auch Parteimitglieder.  Eine Frau hatte am Fenster ihres Hauses Am Villaberg einen Spiegel angebracht und zeigte die Menschen an, die zu Dr. Freudenberger in die Praxis gingen.

Als ihm bekannt wurde, dass vom 1.10.1938 an alle jüdischen Ärzte einschließlich der Kriegsteilnehmer von der Ausübung des ärztlichen Berufes endgültig ausgeschlossen werden sollten, entschloss er sich, mit seiner Familie im August 1938 in die USA auszuwandern.

Er hat von Bord der Aquitania im September 1938 eine Abschiedskarte an Paula Hess geschrieben, die 1942 mit 27 weiteren Opfern aus Bergen deportiert und ermordet wurde.

Aufgrund seiner Emigration wurde ihm mit Beschluss vom 24.10.1940 seine Doktorwürde aberkannt. Seine Ausbürgerung und die seiner gesamten Familie sind laut Ausbürgerungsliste 208 auf November 1940 datiert.

Um in den USA als Arzt praktizieren zu können, musste Dr. Freudenberger in New York ohne jegliches Einkommen erneut ein medizinisches Studium absolvieren. Dazu war es nötig, dass er zunächst die englische Sprache erlernte. Ab Juni 1942 ließ er sich mit seiner Familie im Staat New York nieder und baute unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten eine Praxis auf, die sich nur sehr langsam entwickelte und in keiner Weise das von Bergen gewohnte Einkommensniveau erreichte. Er bemühte sich in New York vergeblich um amerikanische Visa für ältere Verwandte, Meier und Sophie Rothschild, denen wegen ihres fortgeschrittenen Alters die Einreise in die USA verweigert wurde und die deswegen nicht vor der Deportation gerettet werden konnten.

Am 10. November 1961 starb Rudolf Freudenberger in New York.

Mit einstimmigem Beschluss des Senats der Julius-Maximilians-Universität Würzburg vom 22.02.2011 wurde die Depromotion für nichtig erklärt und Dr. Freudenberger „rehabilitiert“.

Edith Haase – Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim

Quellenangaben:
Helmut Ulshöfer, Jüdische Gemeinde Bergen-Enkheim 1933 – 1942, Frankfurt am Main 1988
Leo-Baeck-Institute, Center for Jewish History, 15 West 16th Street, New York, NY 10011, Rudolf Freudenberger Collection 1914 – 1961
www.uniarchiv.uni-wuerzburg.de
Archiv der Julius-Maximilians-Universität, Beiträge zur Würzburger Universitätsgeschichte Band 1 (Universität Würzburg (Hrsg.), Die geraubte Würde, Die Aberkennung des  Doktorgrads an der Universität Würzburg 1933 – 1945, Königshausen und Neumann, Autor Dr. Marcus Holtz

Gestaltung der Gedenktafel:
Bernd Fischer, Offenbach am Main
www.fischerkuenstler.de

Die folgenden Personen und Einrichtungen haben für diese Gedenktafel Spenden geleistet:
Dr. R. und N. Casson – Evangelische Kirchengemeinde Bergen-Enkheim – Die Grünen Bergen-Enkheim – W. und I. Hahn – G. Mahlberg, J. Netz– Ortsbeirat 16– B. Paul– Dr. U. Süßenberger– U. Thürmer– H. Ulshöfer

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